Gemeinsam – nicht getrennt!
Warum wir in Berlin einen verbindlichen Ethikunterricht brauchen – für Toleranz, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung und Demokratie
Berlin ist eine internationale Stadt. Das spiegelt sich auch in unseren
Schulen wider. Die Berliner Schülerinnen und Schüler sind
unterschiedlicher Herkunft, sind von verschiedenen Traditionen und
Religionen geprägt. Angesichts dieser Vielfältigkeit ist es
entscheidend, dass sie Gelegenheit haben, miteinander ihre religiösen
und weltanschaulichen Vorstellungen zu diskutieren, Unterschiede kennen
zu lernen, aber vor allem auch gemeinsame Werte festzustellen.
Das kann nur zusammen im Klassenverband geschehen. Die rot-rote Koalition hat deshalb zum Schuljahr 2006/2007 das Fach Ethik ab der 7. Klasse eingeführt. Die Praxis der ersten beiden Jahre ist viel versprechend und kann als Erfolg gewertet werden.
Ethikunterricht für alle – statt Freistunde für viele
Doch
zunächst ein Blick zurück: Bis Mitte 2006 gab es an den Berliner
Schulen keinen Werteunterricht, den alle Schülerinnen und Schüler
besuchen mussten. Die Teilnahme am Religions- oder
Weltanschauungsunterricht war seit 1948 in Berlin freiwillig – im
Unterschied zu anderen Bundesländern. Geregelt wird dies durch die so
genannte Bremer Klausel des Grundgesetzes. Für dieses fakultative Fach
gab es keine Benotung. Gerade an den Oberschulen wurde dieses Angebot
jedoch sehr wenig angenommen.
Im letzten Jahr vor der Einführung des Ethikunterrichts hat von den Berliner Oberschülern gerade einmal ein Viertel am Religions- oder Weltanschauungsunterricht teilgenommen. In Friedrichshain-Kreuzberg zum Beispiel war es kein einziger Realschüler, in Treptow-Köpenick waren es ganze 6 Schülerinnen und Schüler. Kein Hauptschüler in Treptow-Köpenick, Pankow und Lichtenberg besuchte diesen Unterricht.
Sicher, man hätte als Reaktion darauf auch ein Wahlpflichtfach einführen können, so wie es das Volksbegehren "Pro Reli" jetzt fordert. Beim Wahlpflichtfach müssen sich die Kinder aber individuell entscheiden, ob sie getrennt voneinander Ethik, evangelischen, katholischen, islamischen oder jüdischen Religionsunterricht besuchen. Und genau das ist aber in der Metropole Berlin nicht der richtige Weg. Wir lehnen deshalb das Volksbegehren ab.
Gerade bei diesem so wichtigen Unterricht sollten wir die Schülerinnen
und Schüler nicht nach Religionszugehörigkeit separieren und die Klasse
spalten. Nein, nicht Moslems für sich, Christen für sich, Juden für
sich - nicht jeder für sich allein. Gemeinsam muss die
Auseinandersetzung erfolgen über die Grundüberzeugungen und Werte, die
unsere Gesellschaft überhaupt zusammenhalten.
Ich meine damit Werte wie Toleranz, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung und Solidarität. Unser aller Ziel sollte sein, dass alle jungen Menschen mit einem ausgeprägten demokratischen Grundverständnis und dem Respekt vor anderen Weltanschauungen die Schule verlassen.
Religionsunterricht behält seinen Platz
Doch was passierte mit dem Angebot des freiwilligen Religionsunterrichts nach der Einführung des Ethikunterrichts? Auch nach der Einführung des Werteunterrichts hat der freiwillige Religions- und Weltanschauungsunterricht seinen Platz an den Schulen behalten, wird in den Klassenräumen unterrichtet. Die finanzielle Unterstützung für diesen Unterricht durch das Land wurde in vollem Umfang erhalten. Nach wie vor wird den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bis zu 90 Prozent des Aufwands für Personal- und Ausbildungskosten erstattet; jährlich sind das rund 50 Millionen Euro. Und das werden wir auch weiterhin so halten. Denn es geht uns ganz und gar nicht um die Verdrängung von Weltanschauungsgemeinschaften und Kirchen.
Die SPD hat bereits bei Einführung des Ethikunterrichts in den Oberschulen eine enge Kooperation mit den Angeboten der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften gefordert und unterstützt. Wir begrüßen das Engagement insbesondere der evangelischen Kirche in diesem Bereich und wollen die Kooperationen weiter ausbauen. Aus unserer Sicht ist dies der richtige Weg, einen gemeinsamen Werteunterricht aller Schülerinnen und Schüler durch die wichtigen Beiträge der Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften zu bereichern.
Was hat sich für die Kirchen also konkret mit dem neuen, gemeinsamen
Werteunterricht verändert? Zunächst zu den Grundschulen. Hier blieb
alles beim alten – und wir sehen auch weiterhin bei der relativ großen
Teilnahme am freiwilligen Religions- und Weltanschauungsunterricht in
den ersten 6 Schuljahren keinen Handlungsbedarf. Auch an den Berliner
Oberschulen wird der Religions- und Weltanschauungsunterricht weiterhin
angeboten und finanziert. Es ist aber ergänzend das reguläre Schulfach
Ethik hinzugekommen.
Die Kirchen sehen darin eine Konkurrenz und fürchten eine zurückgehende Teilnahme beim freiwilligen Religionsunterricht. Ich frage mich aber, warum die Kirchen nicht stärker die Chancen dieses neuen Fachs ergreifen. Sie haben jetzt wieder die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche zu erreichen, die bisher keinen Kontakt zur Kirche hatten.
Ethikunterricht fördert Integration
Jüngst hat ein Journalist die Diskussion über den Ethikunterricht und
unsere ablehnende Haltung zum Volksbegehren "Pro Reli" gleich zum
Kulturkampf erklärt. Weiter kann man nicht neben der Sache liegen. Denn
die Einführung des gemeinsamen Ethikunterrichts ist alles andere als
der Beginn eines Kulturkampfes – gegen welche Kultur oder Religion auch
immer. Im Gegenteil. So ist es erstens – wie erwähnt - für uns ein
wichtiges Anliegen, dass auch die Kirchen und
Weltanschauungsgemeinschaften in den Ethikunterricht einbezogen werden.
Und zweitens: Es geht bei diesem Unterricht gerade darum, dass sich
Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen kulturellen Hintergründen
untereinander austauschen. Sie sollen miteinander reden und nicht
übereinander.
Wir wollen damit eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung fördern,
die perspektivisch die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander im
pluralistischen Berlin ist. Diese Idee grenzt sich damit von naiven
Multikulti-Vorstellungen ab, die davon ausgehen, dass Integration ein
Selbstläufer ist. Sie steht aber auch im Gegensatz zu einer Politik,
die ignoriert, dass wir gerade in internationalen Metropolen Menschen
mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Wurzeln haben. Berlin
ist nicht Oberammergau und wird es auch nicht werden – ob wir es
bedauern oder nicht.
Wir dürfen also die Augen vor den Realitäten in unserer Stadt nicht
verschließen. In Berlin gibt es Schulen, in denen die große Mehrheit
islamischen Glaubens ist. Die Schule muss hier die Aufgabe haben, diese
Schülerinnen und Schüler auch über den christlichen oder jüdischen
Glauben zu informieren. Ebenso wichtig ist es, dass Katholiken und
Protestanten mehr über die anderen in der Stadt vertretenen Religionen
erfahren. Kinder ohne Religionszugehörigkeit – und das ist gerade im
Ostteil der Stadt keine Minderheit – haben das Recht, in der Schule
mehr über Religionen zu lernen.
Dieses Verständnis und die daraus erwachsende Toleranz ist grundlegend für das friedliche Zusammenleben in unserer Stadt. Der gemeinsame Berliner Ethikunterricht ist in diesem Sinne keineswegs der Beginn eines Kulturkampfes, sondern ein Baustein der Prävention gegen einen Kampf der Kulturen. Die Aufgabe des Ethikunterrichtes ist es, das friedliche Miteinander und die Integration zu fördern – und dafür ist er nach unserer Auffassung genau das richtige Instrument.
Die Tür steht offen
Als Christ erhoffe ich mir durch
das Fach Ethik aber auch neues Interesse für die Kirchen. Die
Perspektive, über eine Kooperation alle Schülerinnen und Schüler mit
dem Ethikunterricht zu erreichen, sollten sich die Kirchen nicht
entgehen lassen und sich aktiv an der konkreten Ausgestaltung des
Faches beteiligen. Ich würde mir das jedenfalls wünschen. Die Tür steht
offen!
Michael Müller
Michael Müller,
Fraktionsvorsitzender